Vertikale Ligaturen?

Begonnen von C_E, Samstag, 4. Juli 2020, 23:06

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C_E

Hallo,

heute eine eher musikwissenschaftliche Frage als und weniger lilypond-spezifisch:
Was hat es mit den angehängten senkrechten Klammern auf sich?

Sie sind keine Ligaturen (trotz Titel), denn "echte Ligaturen" gibt es in dem Stück auch (wie im zweiten Bild zu sehen).
Auch kommen sie sowohl bei einer einzelnen Note vor als auch bei mehreren Tönen vor (wiederum siehe Bilder).
Textabhängigkeit sehe ich auch nicht, ein (nicht angehängtes) Beispiel ist eine Nutzung folgendermaßen [-ri, Cui ].

Das Stück ist die Motette (Chanson-Motette?) "Omnium bonorum plena" von Loyset Compère, um 1500

Mir geht es momentan in erster Linie um den Hintergrund. Da es nur für eine kleine Hausarbeit gebraucht wird, ist die Notation (noch?) nicht wichtig.
Ich gehe irgendwie nicht davon aus, dass es eine einfache Lösung für die Notation gibt. Falls dem nicht der Fall ist, und schon irgendwas vorgefertigt ist, gerne her damit:)

Viele Grüße

Caspar

Malte

#1
Ein Blick ins Manuskript (hier habe ich eine Seite davon gefunden) zeigt, daß die Ausgabe so Schwärzungen anzeigt. In modernen Ausgaben werden sie meistens mit ⌜ kleinen Winkeln am Anfang und Ende ⌝ angezeigt.

Schwärzungen findet man hauptsächlich im Tempus perfectum, dort sorgen sie für eine Imperfizierung (Verkürzung auf ⅔ des Werts), so ist z. B. eine geschwärzte Brevis nur zwei und nicht drei Semibreven lang. Im Tempus imperfectum gibts das auch, v. a. aber bei kurzen Stellen; dort stehen sie für Triolen oder in bestimmten Fällen für punktierte Rhythmen.

In diesem Stück gibt es am Ende im Diskant offenbar auch eine Schwärzung, allerdings dort nicht triolisch, sondern Faktor ½, wie man an den Ligaturen von halben Noten sehen kann: Die sind im Original vermutlich geschwärzte Ligaturen von Semibreven sind, denn Ligaturen von Minimen gibt es nicht. (Ich habe die weiteren Seiten des Manuskripts nicht, aber auf IMSLP die von dir verwendete Ausgabe gefunden. Wäre mal interessant, ob das wirklich Schwärzung oder ein anderer Hinweis ist. Könnte auch rote Farbe sein, allerdings ist das meines Wissens um 1500 schon nicht mehr üblich.)

Malte

Hab doch das Manuskript gefunden, und zwar hier ab Seite 27v. Die fragliche Stelle steht auf Seite 29v: Es ist tatsächlich eine Schwärzung; daß es hier um den Faktor ½ statt ⅔ geht, scheint die kleine Ziffer 2 vor den geschwärzten Noten anzuzeigen.

C_E

Oha, davon hatte ich bisher noch nie gehört. Vielen vielen Dank für den informativen Ausflug:)
Und auch für das Manuskript!

Weißt du, warum das gemacht wurde? Tinte sparen tut man damit ja nicht gerade.

Die beiden Winkel kenne ich tatsächlich sogar. Die stelle ich mir ein wenig einfacher zu codieren vor, könnte man mit Markup irgendwie diese Form einbringen?

Malte

Warum das am Ende mit dem Faktor ½ gemacht wurde, weiß ich nicht; nötig wäre es, soweit ich das beurteilen kann, nicht. Vielleicht wird da etwas zitiert, was woanders in längeren Notenwerten kommt (z. B. ein cantus firmus)?

Die Schwärzung im Tempus perfectum ist nötig, weil sonst manche Tondauern bzw. Rhythmen nicht darstellbar sind. Genauer gesagt haben wir hier (in der modernen Ausgabe beim 3/1-Takt) ja tempus perfectum cum prolatione maiore, d. h. die Breven sind in perfekt in drei Semibreven unterteilt und die Semibreven imperfekt in zwei Minimen. Nun gäbe es keine Möglichkeit, Noten von 2 oder 4 Ganzen Länge darzustellen, weil die Brevis und Longa 3 bzw. 6 Ganze lang sind. Geschwärzt kommt man dann doch auf 2 und 4. Die Sache ist eigentlich noch etwas komplizierter, weil Imperfizierung nicht nur durch Schwärzung erreicht werden kann, aber da kann ich jetzt so schnell keine Zusammenfassung liefern.

C_E

Das mit dem Zitat ist ein sehr guter Hinweis, dass soll ich in meiner Hausarbeit betrachten, ich schau mal genauer nach.
(Hayne van Ghizeghem, De tous biens plaine)

Und keine Sorge, die Zusammenfassung reicht erstmal schon, auf jeden Fall!

Wenn ich so über den 3/1 nachdenke... Wird das heutzutage nicht eher mit einem [HalbeNote = HalbeNotePunktiert] gemacht, bzw andersrum?